Architektur
28/09/2020

François Valentiny: Architekt mit Überzeugungen

Mitten in einem Wald in Remerschen liegt das Architekturbüro von François Valentiny. Ein Ort, der die Verwirklichung aller Möglichkeiten, geistige Offenheit und Kreativität begünstigt, doch vor allem beherbergt er einen außergewöhnlichen Architekten, einen Architekten mit Überzeugungen. Eine Begegnung.

Von Europa bis Asien waren Sie der Architekt zahlreicher wegweisender Gebäude, die Sie zu einem angesehenen Architekten in Luxembourg gemacht haben. Warum haben Sie sich dafür entschieden, Architekt zu werden? Wie verlief Ihr Werdegang?

 
Ich denke, das ist logisch. Mein Vater war Tischler, ich kam also schon sehr früh mit dem Beruf in Berührung, noch bevor ich ihn in einer Lehre erlernte. Dabei wollte ich im Grunde Maler werden. Doch geprägt hat mich eine solide handwerkliche Ausbildung. Der Architekt ist vor allem ein Handwerker, der die alltäglichen Probleme des Lebens verstehen muss.  
 
Ich begann mit einem Abschluss als technischer Ingenieur am Institut supérieurs de Technologie  in Luxembourg. Anschließend absolvierte ich ein erstes Jahr an der  Ecole d’Architecture de Nancy, die nach 68 die theoretischste und avantgardistischste Schule Frankreichs war. Für jemanden mit einer handwerklichen und pragmatischen Denkweise war diese Atmosphäre nicht passend, also unternahm ich Reisen. Ich entdeckte eine andere Welt, insbesondere in Wien, der Schatzhöhle Alibabas der Architektur – lacht –. Hier studierte ich schließlich; ich gehörte zu den 9 aus 300 ausgewählten Bewerbern an der Universität für Angewandte Kunst.
 

In den 1980er-Jahren haben Sie frischen Wind in das luxemburgische Bauwesen gebracht. Wie würden Sie Ihre Vision beschreiben? Ihre Kunst? Wie sind Sie dahin gekommen?
 
Eine Stadt ist nichts anderes als ein schönes Loft und umgekehrt. In einem definierten Raum muss man die Funktionen entsprechend den kulturellen und sozialen Parametern gewährleisten. Heute sprechen wir leider zu viel über Ästhetik, tun aber nicht genug dafür, ihr in unserem täglichen Leben den Vorrang zu geben, denn die Schönheit ist aus vielen unserer Städte und Dörfer verschwunden. Wenn architektonische und städtebauliche Schönheit nicht auf einer kulturellen und sozialen Grundlage beruht, interessiert sie mich nicht
 
Mein Lebensweg hat mich zwar dazu gebracht, Architekt zu werden, doch es war auch eine Entscheidung, denn ich wollte etwas verändern. In den 70er-Jahren haben mich als gewissenhaften Handwerker bestimmte Dinge verstört, ja sogar verärgert. All diese Mängel an den Bauten, auch die mangelnde politische Sensibilität gegenüber unserem Erbe,   unseren Traditionen, die Zerstörung unserer Städte und Dörfer…. Luxembourg wurde zerstört, und ich war darüber empört! Diese Zeit hat mich dazu bewogen, ein Architekturstudium aufzunehmen.
 
Die Ästhetik in der Architektur ist seit meinem zweiten Bau nicht mehr meine Priorität. Was mir inzwischen wirklich wichtig ist, ist zu verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert, das Zusammenleben, die alltägliche Lebensqualität. Schließlich ist Architektur mein Beruf, und ästhetische und technische Fragen sollten für mich kein Problem sein. Die Komplexität beginnt mit dem Geist des Ortes, dem « Genius Loci ».  

Häuser, Wohnungen, Büros, Sportinfrastruktur, Kunst und Kultur, um nur diese Bereiche zu nennen: Insbesondere auf Ihrer Online-Präsenz entdeckt man eine breite Palette an Referenzen. Welches Ihrer Meisterwerke macht Sie am stolzesten?

Um diese Frage zu beantworten, würde ich sagen, dass man unterscheiden muss zwischen dem, was mir persönlich gefällt, dem, was mich vorangebracht hat, und dem, was emblematisch ist.
 
Bestimmte Dinge gefallen mir, weil sie Antworten auf Fragen geben, die mir am Herzen liegen, und gelungen sind, weil sie funktional sind. Wenn ich zum Beispiel in meinem Dorf zum Bistrot Gourmand hinaufgehe, gibt es die Werkstatt meines Vaters, des Tischlers, und meines Nachbarn, des Schmieds, nicht mehr, aber die Cave à Vins meines Freundes Yves, den ich seit meiner Geburt kenne, besteht noch immer. Der Platz in Remerschen, den wir geschaffen haben, erfüllt perfekt die Kriterien, um die Illusion zu haben, im Zentrum des Geschehens zu sein. Er erfüllt alle grundlegenden Bedürfnisse und strahlt eine angenehme Atmosphäre aus.
François Valentiny: Architekt mit Überzeugungen 1
Andere Projekte bringen uns auf unserem Weg voran, das gilt für jene im Ausland. Um meinen Ansatz richtig zu verstehen, muss man Elias Canetti lesen.  Dieser österreichisch-ungarische Schriftsteller aus dem ehemaligen Kaiserreich, der viel in Wien lebte, sagte über diese Stadt, sie sei anders als alle anderen Städte Europas, weil man dort viele Sprachen hörte und jeder Tag, an dem man nicht etwa zehn verschiedene Sprachen hörte, ein verlorener Tag sei. Ich denke wie er, ich habe einen solchen Wissensdurst, einen solchen Hunger nach Abenteuern im Ausland, dass ich nicht stillsitzen kann! Diese innere Kraft, diese Ungeduld, diese Neugier haben es uns ermöglicht, international Gebäude zu realisieren. Als ich 26 Jahre alt war, hatten wir einen Wettbewerb in Berlin gewonnen, bei dem alle damaligen Stars vertreten waren. Diese Erfahrung und dieses Umfeld haben uns vorangebracht.

Schließlich gibt es die emblematischen Gebäude wie das Theater in Brasilien.  Tatsächlich ist dieser Bau das Ergebnis eines feuchtfröhlichen Abendessens – lacht –. Gemeinsam mit meinen Freunden haben wir ein Musikfestival ins Leben gerufen und ein richtiges Projekt entwickelt, das mein Leben verändert hat, denn ich musste einige Monate in der Einsamkeit Bahias bleiben, um es fertigzustellen und mit den vorhandenen Mitteln außergewöhnlich zu machen.
 
Das sind die drei Schwerpunkte meiner Projekte, die mich glücklich machen.

2016 haben Sie die Valentiny Foundation eingeweiht. Können Sie uns davon erzählen?
 
Das ist meine ehemalige Schule. Es handelt sich um ein Gebäude, das das Auge täuscht, innen so groß ist und von außen doch so klein wirkt. Aus ästhetischen Gründen habe ich mich dafür entschieden, um das bestehende Gebäude herum zu bauen. Jedes Mal, wenn Sie einen Rücksprung in der organischen Form sehen, stand dort ein Baum. Dieses Phänomen beeinflusst Ihren Blick und vermittelt Ihnen die Illusion, dass das Gebäude klein sei.
 
Zur Geschichte: Als ich Berater am DAM (Deutsches Architektur Museum) war, kümmerte ich mich darum, den Nachlass früherer Architekten ausfindig zu machen. Zeichnungen, Modelle, wahre Wunderwerke von vor 300 oder 400 Jahren verschwanden in den Archiven… Und da fragte ich mich: « Was wirst du eigentlich mit deinen Zeichnungen machen? ». Selbst wenn man nur 3 oder 4 Zeichnungen pro Tag anfertigt, multiplizieren Sie das über 40 Jahre, nehmen Sie die aus meiner Kindheit hinzu, dann kommen wir auf 50 Jahre Zeichnungen… Also gründete ich im guten Einvernehmen mit meiner Gemeinde Schengen die «  VALENTINY foundation »
 
Ehrlich gesagt wollten wir eine Zusammenarbeit mit der Université du Luxembourg verwirklichen, doch der politische Kurswechsel führte zu einer anderen Entwicklung. Letztendlich kümmern wir uns um alles, wir organisieren, fördern, helfen der Jugend und bereichern den Tourismus. Inzwischen kümmert sich mein Bruder Fernand um die Valentiny Foundation. Da das Gebäude groß ist und wir die Kosten decken müssen, vermieten wir Räume für Künstler, für Konferenzen und Caterings.
 
Wir hatten das Glück, in unserem Dorf die Schulen, die Jugendherberge und eine kulturelle Infrastruktur zu schaffen, die Kunst, Biodiversität, den Geist des Weinbaus und alles, was mit der Natur zu tun hat, fördert. Wir wollten ein Dorf schaffen, das funktioniert und ein besseres Leben widerspiegelt, und letztendlich werden wir nicht auf halbem Weg aufhören können. Selbst nach 40 Jahren Arbeit muss ich weiterarbeiten und mich weiterentwickeln. Natürlich ein Problem, aber zugleich eine außergewöhnliche Chance.